Aktuelles Forschungsprojekt

St. Pankratius in Niebelsbach

„Das Wasser desselben [Märzenbrunnen] soll heilsame Kräfte haben, daher auch früher von allen Seiten Kranke zu ihm wallfahrteten, und viele derselben sollen hier ihre Krücken zurückgelassen haben.“

Dieser etwas legendenhaft anmutende Bericht von 1860 stammt aus der Oberamtsbeschreibung Neuenbürgs, zu dem Oberniebelsbach seit 1806 gehörte. Er überliefert uns eine der mündlich tradierten Geschichten des Ortes und damit auch die Funktion der idyllisch gelegenen Pankratiuskapelle von Niebelsbach als Wallfahrtskirche, die vor allem durch ihre exponierte Lage und Ausgestaltung von besonderem kunsthistorischem Wert ist und zurecht zu den regionalen Schätzen gezählt werden kann. Aus eben diesem Grund war sie im Mai Teil des Veranstaltungsprogrammes des Römermuseums Remchingen und durfte schließlich auch zahlreiche interessierte Gäste begrüßen. Dabei überraschte die geologische Situation, die Herr Klotz anfänglich schilderte, am meisten. Denn neben der Karstquelle, die im Frühjahr den Märzenbrunnen am Weg zur Kapelle speist, existieren zehn weitere Quellen an dieser Stelle, über denen die Kirche errichtet wurde und deren Läufe so umgeleitet wurden, dass sie unter dem Altar zusammenfließen.

Somit scheint die Errichtung einer kleinen Kirche an einem doch so abgeschiedenen Ort – am Hang und inmitten von Obstwiesen (früher Wein) gelegen – angesichts der Bedeutung des Wassers für das Christentum (Paradiesströme, Taufe, „Gnadenquelle“) nicht mehr zu überraschen. Es verwundert auch nicht, dass der Ort sicherlich schon sehr früh eine besondere symbolisch-religiöse Bedeutung für die Menschen besaß und dass dem Wasser heilende Wirkung zugesprochen wurde. Das erste Zeugnis von einer Kirche in Oberniebelsbach stammt denn auch von 1391, als das Patronatsrecht über eine neue Pfründe für die Pankratiuskapelle von Gerhard von Straubenhardt an den Markgrafen Bernhard von Baden übertragen wurde. Zu dieser Zeit muss die Kirche also schon bestanden haben. Auch die ältesten Bauteile aus romanischer Zeit um 1200 – 1250 sprechen dafür. Es handelt sich dabei um den Westteil mit rundbogigem Eingangsportal. Sie wurde als Saalkirche über einem mutmaßlich älteren Bau errichtet, bestand also nur aus einem länglichen Laiengebetsraum ohne Chor, und wurde dann in der zweiten Hälfte des 15. Jh. verlängert und um einen dreiseitigen Chorraum mit gotischen Maßwerkfenstern erweitert. Erkennbar ist diese Veränderung noch an einer vertikal verlaufenden Fuge an der Südfassade, die die Anfügung des jüngeren Ostteils an die ältere Bausubstanz bezeugt.

Das Innere der Kirche ist durch den sogenannten spitzbogigen Triumphbogen in Laiengebetsraum und Chorraum geteilt. Eine flache Holzdecke mit grünen und roten Leisten schließt beides nach oben hin ab. Betritt man nun den Innenraum, lässt sich nur schwerlich festhalten, woran das Auge zuerst Gefallen findet. Die ansonsten schlichte, mit weißen Kalkwänden ausgestaltete Kirche besticht nicht nur durch ihre interessanten Wandmalereien. Auffallend auf den ersten Blick sind auch die eindrucksvollen Holzarbeiten, die die Jahrhunderte unverändert überdauert haben. Zu ihnen gehören das einzigartige Blockgestühl im Gebetsraum und auf der Westempore, das zu den wenigen erhaltenen Exemplaren des Landes zählt, sowie die Kanzel in der Nordostecke des Laiengebetsraums und das Altarkruzifix. Es handelt sich dabei um Arbeiten aus dem 18. Jahrhundert.

Auch der barocke Beichtstuhl neben dem Altar, ein einfacher Kasten mit Kranzgesims und gitterförmigem Schiebefenster, ist allein schon durch seine Anwesenheit in einer evangelischen Kirche ein interessantes Werk. Das herausstechendste Werk der Kirche ist gewiss die Weltgerichtsdarstellung über dem Chorbogen. Sie zeigt zentral die Deesis: Christus auf einem Regenbogen thronend, zu dessen Seiten jeweils Maria und Johannes als Fürbitter für die Menschen kniend. Sie sind umgeben von posaunenden Engeln. Unterhalb dieser Gruppe und beidseitig des Bogens kann man eine Landschaft erkennen, in der Erweckte aus ihren Gräbern auferstehen und Menschen stark gestikulierend oder rennend angedeutet sind. Zu Christi Rechten weist der Erzengel Michael den Seligen den Weg, zu seiner Linken sieht man die Verdammten und apokalyptische Wesen vor dem angedeuteten Höllenfeuer. Dieses Wandbild stammt aus dem ausgehenden 17. Jh. und ist die Übermalung eines spätmittelalterlichen Gemäldes, das wiederrum mit dem Umbau der Kirche in der zweiten Hälfte des 15. Jh. entstanden war.

Im Chorraum befinden sich zwei weitere Bilder, die in die gleiche Zeit zu datieren sind. Sie sind beidseitig des Mittelfensters angeordnet und aufeinander bezogen, d.h. einer Szene aus dem Alten Testament wurde eine entsprechende aus dem Neuen Testament gegenübergestellt. In diesem Fall handelt es sich dabei zum einen um die Aufrichtung der Ehernen Schlange durch Moses, zum anderen um Christus am Kreuz mit Maria, Johannes und Maria Magdalena. Die Bibelstelle, die dieser Typologie zugrunde liegt, lautet wie folgt:

„Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ (Joh. 3,14-15)

Moses selbst verweist noch im Bild mit seiner Linken auf den gekreuzigten Jesus. Auch das Maßwerkfenster zwischen ihnen wurde mit dekorativer Wandmalerei umgeben. Über dem Scheitel befinden sich zwei Puttenköpfe in einem Rollwerk- und Blütenrahmen, der das gesamte Fenster umläuft und auch schon in ähnlicher Weise die Weltgerichtsdarstellung begrenzt. Die Malereien sind im Stile des sogenannten Bauernbarock gehalten – einer volkstümlichen und einfachen Malerei, die Ende des 17. Jh. in der Region große Beliebtheit erfuhr und oftmals für die Übermalung bereits bestehender Wandbilder Verwendung fand.

Ein weiteres interessantes Detail stellen die Weihekreuze, auch Apostelkreuze genannt, aus der Zeit des Erweiterungsbaus dar. Es handelt sich dabei um insgesamt 13 an die Wände gemalte Kreuze, die jeweils medaillonartig von Rankenwerk, Blattkränzen und Strahlenbündel gerahmt werde. Acht davon befinden sich im Saal, fünf im Chor. Ungewöhnlich ist ihre Anzahl, da in romanischen und gotischen Kirchen üblicherweise immer nur zwölf Weihekreuze angebracht waren. Sie symbolisierten die zwölf Apostel, auf die sich die Kirche Christi stützt. Sie markieren auch die Stellen, an denen die Kirche nach ihrer Vollendung am Kirchweihtag durch den Bischof gesalbt wurde. Das zusätzliche 13. Kreuz kann hier eventuell als Symbol für Christus stehen. Die Kreuze wurden während der Reformationszeit, ebenso wie der Altar, mit weißem Kalk übermalt und erst 1948 wieder aufgedeckt und stark restauriert. Lediglich ein Kreuz an der Nordwand des Chores blieb im unrestaurierten Zustand erhalten und dokumentiert so die ursprüngliche Gestalt.


In ihrem historischen Schicksal ist die Kirche eng mit der zerrissenen Geschichte Niebelsbachs verbunden. Seit 1472 bestand die rechtliche Trennung zwischen einem württembergischen Oberniebelsbach und einem zum (badischen) Kloster Frauenalb gehörigen Unterniebelsbach. Die Kapelle selbst war allerdings nur eine Filialkirche, ohne Tauf- und Begräbnisrecht, der Gräfenhäusener Michaelspfarrei, die wiederrum zu Württemberg gehörte. Auch Unterniebelsbach war kirchenrechtlich gesehen Teil der Michaelspfarrei. So kam es denn auch, dass 1534, als das Herzogtum Württemberg den evangelischen Glauben annahm, die Bewohner beider Orte evangelisch wurden, jedoch Grund und Boden, sowie die Gerichtsbarkeit über Unterniebelsbach weiterhin dem Kloster Frauenalb angehörten, bis dieses 1803 säkularisiert wurde und Unterniebelsbach schließlich 1806 gänzlich Württemberg zufiel.

Dieses Spannungsfeld mit beidseitigen Einflüssen ist möglicherweise auch der Grund für eine gemäßigte Einführung des reformierten Glaubens und das Nebeneinanderexistieren von evangelischen und katholischen Charakteristika. So wurden zwar Teile der Wandmalereien überdeckt, die Weltgerichtsdarstellung mit den Fürbittern allerdings blieb erhalten und wurde sogar erneuert. Auch die Funktion als Wallfahrtskirche blieb bestehen. Die Entstehung der Wandmalereien lässt sich zeitlich unmittelbar mit einem erneuten Aufschwung des Pilgertums als Folge der Rekatholisierungsbewegung (?) im südwestdeutschen Raum in Zusammenhang bringen. Auch der Beichtstuhl, der im ersten Moment vielleicht seltsam anmutet, ist weiterhin von Nutzen. Im lutherischen Glauben war die Ohrenbeichte eine Selbstverständlichkeit. Und auch für das Pilgerwesen war die Beichte am Wallfahrtsort ein wichtiger Bestandteil der Reise.

Warum die Kapelle nun dem Heiligen Pankratius geweiht ist, lässt sich aus Quellen nicht belegen. Vermutlich liegt der Grund in seiner Eigenschaft als Eisheiliger und damit folglich in seiner Bedeutung für die Landwirtschaft und den Weinanbau, der jahrhundertelang die Haupteinnahmequelle der kleinen Gemeinde darstellte.