Aktuelles Forschungsprojekt

Die Marienkirche in Niefern

„Die Marienkirche in Niefern ist eine gotische Wehrturmkirche. Ihre erhöhte Lage und der noch in Umrissen erkennbare Wehrkirchhof (ehemals mit Mauern eingefasst) zeigen dies.“

In ihrer heutigen Form wurde sie in zwei Bauphasen errichtet: Der Chor als ältester Bauteil datiert um 1350, während um 1480/90 das Langhaus mit Lettner und Westturmfassade durch die Werkstatt des Hans Spryß von Zabernfeld neu errichtet wurde. Über Vorgängerbauten ist wenig bekannt. Dass aber schon sehr früh eine Kirche in Niefern bestand, zeigt die Ersterwähnung des Ortes um 1082. In ihr schenkt der Hirsauer Abt Wilhelm dem Kloster Reichenbach das Patronatsrecht an einer nicht weiter definierten Kirche in Niefern. Dies setzt folglich ihre Existenz bereits voraus. Unter dem heutigen Lettner fanden sich auch Fundamente eines allerdings nicht näher datierbaren Vorgängerbaus, die auf eine Chorturmkirche schließen lassen.

Die Besonderheiten der Kirche stellen vor allem der Lettner und die Chormalereien dar. Der Lettner ist fünfachsig und beherbergte ähnlich einem Baldachin drei Altäre, zwischen denen zwei Durchgänge zum Chor blieben. Die regelmäßige und klare Maßwerkballustrade und die wie Säulen anmutenden Stützen, auf denen die Spitzbögen ruhen, künden bereits von der sich entwickelnden Renaissance. Der Zugang zum Lettner erfolgt über einen kleinen Treppenturm, der über den Chor zugänglich ist.

Die Wandmalereien
 
Der Großteil der Chorausmalung stammt aus der Zeit um 1430/40 und stellt thematisch, in seiner Gesamtheit betrachtet, die Fürbitte und Sorge des Menschen um Seelenheil dar. Die Malereien bedecken gänzlich die Wände und das Gewölbe des Chores und sind in der Secco-Technik ausgeführt, d.h. dass die Farbe auf den trockenen Putz aufgetragen wurde. Die Sockelzone, die sich entlang der Wände durch den gesamten Chor zieht, zeigt einen ockerfarbenen Grundton. Entlang dieser unteren Zone sind heute noch fünf Weihekreuze sichtbar. Weitere wurden durch die Aufstellung der Grabplatten und des Epitaphs verdeckt. Den oberen Abschluss der Sockelzone bildet an der Nord- und Südwand ein in rötlichem Ton gemaltes Tuchgehänge. Die Nordwand ist in vier übereinanderliegende Zonen aufgeteilt. Über der Sockelzone reihen sich die Apostel mit ihren Attributen in den Händen auf. In ihrer Mitte steht Jesus Christus und deutet auf die Weltkugel, die er in seiner linken Hand hält. Unter den Aposteln verläuft ein schmaler Streifen, auf dem ihre Namen stehen.

Über den Aposteln verläuft ein Streifen mit dem Credo, wobei jedem Apostel ein der Reihenfolge nach ein Satz des Glaubensbekenntnisses zugeordnet ist. In der darüber liegenden Zone befinden sich als Halbfiguren aufgereiht Propheten des Alten Testaments, die jeweils einem der Apostel zugeordnet sind. Auch über ihnen läuft ein schmaler Streifen mit ihren Namen. Sie halten Spruchbänder mit alttestamentlichen Aussagen, die sich jeweils auf die Artikel des Credo beziehen, um sich herum. In ihrer Mitte, direkt über Christus, steht Gott, dessen Spruchband als einziges weiter über den Namensstreifen hinausgeht. Ungewöhnlich ist diese Darstellung, weil es sonst andersrum ist – die Propheten stehen unterhalb der Apostel des Neuen Testaments. Durchbrochen werden diese zwei Figurenregister, die sich entlang der gesamten Nordwand ziehen, von einem Fenster im nordöstlichen Teil der Wand. Es wurde im 19. Jahrhundert vergrößert und zerstörte damit einen Teil de Figuren und die Darstellung, die sich darüber im Schildbogenfeld befand.

Einst zeigte sie die Kreuzabnahme. Erhalten blieben nur die zwei knienden Stifterfiguren mit ihren Spruchbändern, jeweils auf einer Seite des Geschehens. Das zweite Schildbogenfeld der Nordwand zeigt das Martyrium des heiligen Bartholomäus: Sechs Folterknechte in orientalischer Tracht ziehen dem Apostel bei lebendigem Leib die Haut ab, während der König Astrages als Auftraggeber zuschaut. Zwei Engel nehmen über dieser Szene die Seele des Heiligen in Form eines Kleinkindes im Sternenhimmel entgegen. Unterhalb des Geschehens ist das kniende und betende Stifterehepaar mit dem Metzgerzunftwappen dargestellt. Die östliche Chorapsis zeigt in den zwei Wandflächen zwischen den Maßwerkfenstern unterhalb der Gewölbekonsolen weitere Einzeldarstellungen. Zum einen eine sog. Heilstreppe. Sie zeigt zentral Christus am Kreuz mit Maria zu seiner Rechten und Johannes zu seiner Linken als Fürbitter der Menschheit. Darunter in den Ecken stehen jeweils der Teufel und ein Sünder, der von diesem angeklagt wird. Vom gläubigen Sünder, der sich an Maria um Hilfe wendet, ist nichts mehr zu erkennen, denn die linke Bildecke unterhalb Marias verschwand hinter dem hohen Epitaph der Catharina Leutrum von Ertingen.

Während also der Teufel als Ankläger auftritt, zürnt Gottvater und schickt von oben seine Pfeile hinab. Für den reuigen Sünder setzen sich nun mit vereinten Kräften die übrigen Figuren ein. Maria, von der Erbsünde befreit, wendet sich an Jesus und verweist dabei auf ihre bloße Brust, mit der sie ihren Sohn ernährte. Christus wendet sich an seinen Vater und deutet dabei auf seine Wunde und damit auf sein Leid, das er für die Erlösung der Menschheit auf sich nahm. Zum anderen eine Darstellung des heiligen Georg, der vor dem Hintergrund der Stadt Jerusalem den Drachen niederreitet. Die Südwand weist drei Darstellungen auf: ein ungewöhnliches Wurzel Jesse-Bild, dass statt der Abstammung Christi aus dem Stamme Davids eine verkürzte Version der Heilsgeschichte zeigt. So wächst aus der Brust des Jesse, des Vaters von König David, eine Pflanze empor, zwischen deren Ranken, von unten nach oben gelesen, Verkündigung, Heimsuchung, Christi Geburt und Kreuzigung dargestellt sind. Daneben zeigt sich ein Bild der Schutzmantelmadonna, das dem der Pforzheimer Altstadtkirche stilistisch eng verwandt ist.

Die Gottesmutter wird als Mondsichelmadonna oder auch apokalyptische Madonna auf einem Halbmond und einem Kopf stehend mit Strahlenkranz um ihren Körper herum dargestellt. Über ihr schweben zwei Engel und halten ihren Mantel auf, unter dem sich streng nach Ständen geordnet die Menschheit versammelt und Schutz vor dem Zorn Gottes sucht. Dieser schwingt oberhalb der Szene ein Schwert und sendet Pfeile hinab, die am Mantel der Madonna zerbrechen. Diese weist wiederum auf ihre Brust und bittet somit um die Hilfe und das Eingreifen Jesu zum Schutze der Menschen. Christus selbst steht neben Gott und weist auf seine Stichwunde, während er Gott in das Schwert greift. Neben ihm findet auch der Heilige Geist als Taube seinen Platz. Die Südwestecke trägt ein Bildnis des Heiligen Urban, der sowohl Ortspatron Nieferns ist als auch Heiliger der Winzer. Die Chorbogenwand zierte eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, das sich allerdings nur sehr schlecht erhalten hat. Von den Gewölbeansätzen aufwärts über das gesamte Gewölbe zieht sich grünes Rankenwerk. Dazwischen zeigt sich abermals von Wolken und den Symbolen der vier Evangelisten umgeben Gottvater. Daneben tragen drei Engel die Passionswerkzeuge. Daneben finden auch die vier lateinischen Kirchenväter mit entsprechenden Attributen ihren Platz. Mehr Informationen im neu erschienenen Buch „Die Kirche in Niefern“.